Zum 9. November

Standpunkte zum 09. November – Das Viernheimer Tageblatt hat mir am Wochenende anlässlich des heutigen Gedenktages ein paar Fragen gestellt, die ich hier gerne teilen möchte. Abonnenten finden das auch im Print, zusammen mit den Standpunkten anderer Viernheimer Repräsentanten.

Bildnachweis: „Viernheim zwischen Weimar und Bonn, 1918-1949“, Autorin: Brigitte Pecker, Hrsg.: Magistrat der Stadt Viernheim

  1. Welche Gedanken haben Sie zur Reichspogromnacht 1938?
    „Nie wieder!“ – Das wichtigste, was man aus diesen schwärzesten Jahren der deutschen Geschichte lernen kann. Es ist für mich unfassbar, wie sich Menschen in Massen gegen die Vernunft, gegen die Menschlichkeit, gegen ihre Werte und ihren Glauben im Kollektiv zu solchem Hass aufstacheln lassen. Wenn wir auch heute wissen, dass die Geschehnisse dieser Nacht gesteuert und orchestriert waren, so sind sie auch nicht auf breiten zivilen Widerstand getroffen, wie man es von einer zivilisierten Gesellschaft in einem entwickelten Land hätte erwarten sollen. Von wenigen leuchtenden Ausnahmen abgesehen fanden unsere jüdischen Mitbürger wenig Sympathie, Mitgefühl oder gar Unterstützung. Wie es dazu kommen konnte, ist millionenfach analysiert und diskutiert worden. Es geschah – und es kann wieder geschehen. Aus dieser Erkenntnis ziehe ich Konsequenzen für mein persönliches und politischen Leben und Wirken, mein Eintreten für eine solidarische, aufgeklärte demokratische Gesellschaft, die aus innerer Stärke verhindert, dass sich Extremismus Bahn bricht.
  2. Was entgegnen Sie Personen, die der Meinung sind, dass die Erinnerung „auch mal aufhören“ soll?
    Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, wo dieser Satz leider viel zu oft zu hören war, er war damals fast schon so etwas wie Normalität. Auch über die Geschehnisse in Viernheim sprachen die Alten damals nicht. Viernheimer Historiker haben es aufgearbeitet und heute weiß man sehr genau, was in der Hügelstraße passiert ist – und wir haben Gott sei Dank die Stolpersteine an allen betreffenden Stellen unserer Stadt. Als ich war 13 Jahre alt war, lief in den „dritten“ Programmen der ARD (seltsam, warum nicht im ZDF oder im Ersten?) die Fernsehserie „Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss“ und führte zu einer breiten öffentlichen Diskussion, weil sie dem Horror Gesichter gab und Mitgefühl und Anteilnahme ermöglichte. Ab diesem Zeitpunkt hatte ich das Gefühl, dass der Satz seltener zu hören war. Aber dennoch, man hört ihn auch noch heute. Ich kann mich dann nicht zurückhalten, ich kämpfe und argumentiere leidenschaftlich dagegen. Immer in der Hoffnung, diejenigen überzeugen zu können. Es darf nie aufhören! Die Menschheit muss sich daran erinnern, wozu der Mensch in seinen finstersten Tiefen fähig war und ist. Was geschehen ist, kann wieder geschehen und wir müssen es mit aller Kraft verhindern, wir dürfen nie vergessen!
  3. Wo verbrachten Sie den 9. November 1989 und welche Gedanken gingen Ihnen damals durch den Kopf, als Sie die Menschen auf der Berliner Mauer sahen?
    Das Jahr 1989 war für mich aus mehreren Gründen etwas ganz Besonderes, in diesem Jahr hatte ich mein Studium abgeschlossen und wurde kurioserweise noch zum Wehrdienst eingezogen. Man hatte mich zurückgestellt, weil ich zum Zeitpunkt meines Abiturs noch nicht gemustert war. Ich befand mich am 09. November also noch in der Grundausbildung bei der Luftwaffe in Germersheim. In einer Zeit, in der noch Wehrpflicht bestand, wurde in der Bundeswehr sehr viel getan, Geschichte aufzuarbeiten, Rechtsstaatlichkeit zu lehren und im Rahmen der „Inneren Führung“ auch zu leben. Entsprechend wurden die Themen des 09. Novembers in der Truppe adressiert, gingen aber mit dem zeitgleichen Fall der Mauer im Trubel unter. In der Rolle, in der ich damals war, kreisten meine Gedanken sicherlich um die Faszination des Momentes, aber auch um sehr reale Fragen, was es für mich als Wehrpflichtigem bedeutete. Unsere Führungskräfte zeigten sehr unterschiedliche Einschätzungen, einige fühlten ihre Karriere angesichts eines Zusammenschlusses mit der NVA bedroht, andere fühlten sich als systemische Sieger und waren voller Euphorie. Es war nicht einfach, mich in der Zeit in dieser Rolle dort einzusortieren. Persönlich oder familiär betroffen waren wir nicht, wir hatten keine Kontakte in den Osten. Was es für die Menschen dort und für uns alle in Deutschland bedeutete, konnte ich damals nur theoretisch und philosophisch erfassen, die reale Bedeutung für unser weiteres Zusammenleben war damals für mich schwer fassbar, weil so unkonkret, es war alles so weit weg, im wörtlichen Sinne…
  4. Wie bewerten Sie das Zusammenwachsen zwischen Ost und West?
    Ich glaube, dass wir nur in wenigen Teilbereichen von einem „Zusammenwachsen“ reden können; ich glaube vielmehr, wir sind momentan weiter voneinander entfernt, als wir es vor 15 oder 20 Jahren noch waren. Das betrifft die politische Landschaft, die Haltung zum Staat, die Erwartungen an ihn, Offenheit der Gesellschaft, Ökologie, Außenpolitik, und viele andere Themen. Wir haben es zugelassen, dass weite Landstriche im Osten abgehängt wurden, entvölkert und verarmt sind. Wir haben wie selbstverständlich erwartet, dass unser westliches System mit Begeisterung aufgenommen wird. Heute sehen wir ein deutliches Unverständnis im Westen für den Osten und eine große Verdrossenheit eben dort, die sich bedauerlicherweise in einer gewissen Radikalität niederschlägt. Ich befürchte, ein wirkliches Zusammenwachsen ist erst dann möglich, wenn es nur noch wenige Menschen gibt, die im alten Westen oder im alten Osten sozialisiert wurden. Diese Dinge dauern eben. Hoffen wir aber, dass das Zusammenwachsen von Ost und West einhergeht mit einem Zusammenwachsen in Europa.
    Bildnachweis: „Viernheim zwischen Weimar und Bonn, 1918-1949“, Autorin: Brigitte Pecker, Hrsg.: Magistrat der Stadt Viernheim

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