„Für alles gibt es eine Stunde…“ – Zu Weihnachten 2020

Grüße zu Weihnachten, VT am 24.12.2020

Liebe weihnachtliche Leser*innen,

zu unserem großen christlichen Fest sei mir erlaubt, mit einer Referenz auf die Bibel einzusteigen, nämlich dem Buch Kohelet 3, 1-8. Unter der Überschrift „Zeit und Stunde“ arrangiert der Verfasser markante Lebensmomente des Entscheidens und starker Gefühle – teils in verstörender Extremität und Gegensätzlichkeit. Ja, verstörend! So wie die Zeit, die uns dieses Jahr gebracht hat. 

Gab es zum letzten Fest zwar eine leise Vorahnung, so herrschte doch überwiegend Sorglosigkeit, oder besser Unvorstellbarkeit des Verstörenden, was im März kommen und bleiben sollte. „Für alles gibt es eine Stunde…“ Nennen wir sie in diesem Jahr die Stunde der Veränderung, sie war im März.

Plötzlich war alles anders: Arbeiten, Freunde treffen, Reisen, Hände schütteln… Welch eine Disruption… Verstörend? Erst mal ja, Veränderung wird nicht von jedem gleich begrüßt, das Ablegen von Gewohnheiten fällt schwer und kann schmerzhaft sein. 

Nennen wir die Stunde aber auch die des In-Frage-Stellens dessen, was wir tun und was für uns essentiell ist. Wie wichtig das menschliche Miteinander ist, erfährt man dann, wenn es nicht mehr vollumfänglich möglich ist. Wenn die Kühle des Abends das Zusammensein im Freien begrenzt und ein ungefährliches Drinnen nicht möglich ist. Wenn nach dem gemeinsamen Spaziergang mit Freunden ein anschließendes Abendessen und Glas Wein verwehrt bleibt. Wenn man, besorgt um deren Gesundheit, ältere Familienangehörige Monate lang nicht treffen kann. Schließlich, wenn die Krankheit näher kommt und Freunde und Familie trifft… Dann ist die Stunde der Erkenntnis dessen, was wirklich von Bedeutung ist.

Manche haben gar keine große Möglichkeit, zu sinnieren; plötzlich sind sie in dramatischer Verantwortung für Leben und Gesundheit anderer, in unseren Kliniken, Pflegeeinrichtungen Laboren, in Bereichen der öffentlichen Sicherheit und Ordnung, im Transportwesen – vielleicht rund um die Uhr. Andere verlieren ihren Arbeitsplatz, ihre selbstständige Existenz. Offensichtlich gibt es keinen Raum für Kunst und Kultur, wenig Bewegungsspielraum für die Gastronomie. Da kommt die Stunde der Veränderung plötzlich und fremdgesteuert.

Andere Überlegungen treten in den Alltag: müssen wir wirklich jeden Morgen Teil einer Blechlawine werden, um dann zehn Stunden in einem Büro zu arbeiten? Arbeitet man besser zusammen an einem gemeinsamen Ort oder kann man das auch alleine von zu Hause tun? Müssen wir wirklich mehrmals im Jahr für wenig Geld in ein fernes Land fliegen, um dort nichts zu tun, und dabei Tonnen von Kerosin in die Luft blasen? Wie wichtig ist uns die Existenz des Geschäftes um die Ecke? Was kann ich in der veränderten Lage tun, um meine Erwerbstätigkeit gut darauf auszurichten? Wie viel Verantwortung übernehme ich für die Gesundheit und Sicherheit meines Nächsten – also der Gesellschaft insgesamt? 

Jede Stunde hat auch ihre Reaktion in extremster Ausprägungsform; die Stunde der Veränderung war die Stunde unsäglicher Verweigerung und Leugnung, abstrusester Erklärungsansätze und gefährlichster Agitation. Auch damit mussten wir in diesem Jahr klarkommen – und müssen es noch.

Es ist auch eine Zeit der Chance, der Erkenntnis und des Lernens. Im großen Bild beobachten wir, wie die unterschiedlichen staatlichen Gemeinwesen die Krise meistern; wir lernen, wir scheitern, wir verändern, verstehen und verbessern. Das Zusammenspiel von Politik, Wissenschaft und unterschiedlichster Interessensvertreter bestimmen Maßnahmen und Fortschritt. Es gibt kein Patentrezept, weil es keine Erfahrungen mit den neuen Herausforderungen gibt.

Im persönlichen Maßstab erleben wir auch eine ganze Reihe von interessanten Erfahrungen, in denen sich schöne Möglichkeiten zeigen: Hat vielleicht das Tragen von Masken auch die üblichen grippalen Infekte reduziert? Home-Office funktioniert ja, effizient und leicht – und kann eine große persönliche Bereicherung sein! Moderne Informationstechnologie ist nicht kompliziert; sie bringt Familien genauso zusammen wie Geschäftsleute! Ist es vielleicht auch willkommen, wenn das Leben mal nicht seinem üblichen Trott folgt, den wiederkehrenden Terminen, Ritualen und Verpflichtungen, den ewigen Mühlen des Alltags? Was ist erforderlich, um unsere Liebsten zu schützen und was sind wir bereit, dafür zu tun?

Es ist ja so wohlfeil und üblich, in Weihnachtsansprachen dazu aufzufordern, „innezuhalten“, sich „zu besinnen“ – nun, diesmal müssen wir, ob wir wollen oder nicht! Ein „weiter so“ ist nicht möglich.

Sehen wir die Stunde der Chance: Für ein besseres, menschlicheres Miteinander, eine menschen- und sachorientierte Politik, Schutz und Bewahrung unserer Umwelt, der Schöpfung. Die Chance, im Kleinen wie im Großen klug die Weichen zu stellen für eine bessere Zukunft.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen gesegnete, friedliche, kreative und be-sinnliche Weihnachtstage.

Thomas Klauder

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